Die Landschaft wird Richtung Bikaner immer wuestenaehnlicher. Der Boden ist trocken und sandig, einzelne Sandduenen zeichnen sich ab. Baeume und Buesche, spaerlich gruen, lockern in respektvollem Abstand zueinander das Bild etwas auf. Die Grosse Thar Wueste Indiens an der Grenze zu Pakistan ist eigentlich eine Halbwueste, da sie jedes Jahr im Monsun gruent und blueht. Derzeit ist es hier jedoch ziemlich trocken. Es begegnen uns immer mehr Kamelkarren auf der Strasse, beladen bis unters nicht vorhandene Dach! Der Verkehr nimmt ab und die Trockenheit zu.

Im Gegensatz zu den bunt bemalten Havelis in Shekawati sind die Herrenhaeuser in Bikaner ziemlich einfarbig. Aus Sandstein gebaut weisen sie dafuer unglaublich feine Steinmetzarbeiten auf, so dass hinter jeder Altstadtecke ein neues Kunstwerk wartet. Fast kommt man sich vor wie in einem riesigen Freiluftmuseum, waeren da nicht wie immer viele Menschen, Stromkabelgewirr, Mopeds, Kuehe, Hunde... Auch mit einem Fort kann Bikaner aufwarten, dass eher die Zuege eines Palasts als einer Verteidigungsanlage traegt. Malereien aus Gold, Thronhallen wie Kathedralen, Schnitzereien... Zeugen des unglaublichen Reichtums der Maharajas. Waehrend das Volk von Rajasthan eines der aermsten Indiens war und ist. Kein Widerspruch, auch kein Anlass zu Neid oder gar Hass. Auch das arme Volk ist stolz auf die Palaeste und indische Besucher streichen ehrfuerchtig mit der Hand ueber den fein behauenen Stein.

Paul saved my ass! Wir entschlossen uns, eine zweitaegige Kamelsafari mit Vino Desert Safari von Bikaner aus zu machen, gemeinsam mit Paul aus Kanada und Tim und Dominique aus Australien. Dabei konnte entweder auf dem Kamel geritten oder auf dem Kamelkarren gefahren werden. Abwechselnd. Zum Glueck fuehlte sich Paul im Gegensatz zu mir wohl auf dem harten Sattel und so konnte ich ganz entspannt auf dem Karren liegen, die karge Landschaft und die Sandduenen an mir vorueberziehen lassen, waehrend Caro und Paul hinter mir her schaukelten. Allerdings bringt die Position auf dem Kamelkarren auch geringfuegige Nachteile mit sich. So wird man gelegentlich von hinten von einem niesenden Kamel angespritzt, waehrend von vorne von Zeit zu Zeit unglaubliche Kamelfuerze auszuhalten sind. In den wenigen Doerfern, die wir passiert haben, war unsere Karavane eine kleine Attraktion. Besonders beliebt bei den Kindern war das Floetenspiel von Tim und mir (in Varanasi habe ich mir eine Querfloete aus Bambus gekauft) und Pauls Geographieunterricht im Sand. Die Nacht war zwar empfindlich frisch, dafuer ist ein Lagerfeuer in den Duenen, mit frischem Chapati und Curry im Bauch, der Gitarrenmusik von Tim und Dom in den Ohren und die Augen gen Sternenhimmel gerichtet, nur schwer zu toppen! Die kleinen Hundewelpen, die uns nachgelaufen sind, die wir mit Chai fuetterten und die Paul die ganze Nacht gewaermt hat, rundeten die Sache noch ab.

Ratten! Kein Grund zur Sorge, das gehoert so! Am Ende unserer Safari haben wir noch den Rattentempel in Deshnok besucht. Verehrt wird hier nicht nur die Goettin Devi, sondern auch Ratten, als Wiedergeburten der Anhaenger von Devi. So werden im Tempel hunderte, tausende Ratten gefuettert und laufen somit ueberall herum und fuehlen sich sichtlich wohl. Etwas unwohl schauen die Touristen drein, muessen sie doch, wie bei jedem Tempel, die Schuhe vor der Tuer lassen und bewegen sich nun barfuss oder in duennen Socken zwischen all den lieben Tierchen und ihren Hinterlassenschaften - und den Hinterlassenschaften ihrer zahlreich anwesenden fliegenden Verwandten, den Tauben. Draussen ein Eingangstor aus weissem Marmor aus Carrara und drinnen Ratten. Incredible India! Das Gestaendniss eines Priesters, dass er auch mal eine Ratte war, haelt Paul mit seiner staendig einsatzbereiten Videokamera fest. Dass er mal ein favorisiertes Loch hatte, kann der Priester noch bestaetigen, ob er Kaese mag, vergisst Paul, zu seinem eigenen Aerger, zu fragen.

Da in wenigen Tagen in Bikaner ein grosses Kamelfestival stattfindet, entschliessen wir uns, wiederzukommen. Vorher wollen wir allerdings noch nach Jaiselmer fahren. Aufgrund des engen Zeitplans und der Entfernung lassen wir das Moped bei Vino, dem netten Besitzer unseres Guesthouse, im Hof stehen und nehmen den Nachtzug.